Alte Sorten

Die Äpfel sind reif! Gerade hab ich ein Buch entdeckt, das perfekt zur Jahreszeit passt: „Odd Apples“ von William Mullan (Berlin 2021). Tolle Fotos, interessante Apfelgeschichten, die Texte sind reinste Poesie:

Pink Pearl. …kräftige Grapefruit- Wassermelonen- und Bonbon-Aromen. Das leuchtend pinke Fleisch fühlt sich an, als würde man ein Neonschild essen. Er ist cool, unbekümmert und altmodisch.“

Twistbody Jersey. Gespenstisch wie die Todesfee sieht er aus, (…) weich und zart entführt er dich in einen Nebelwald, bevor er einen leichten Geschmack nach Honigmelone und Gurke freigibt, der den Geist des Sommers heraufbeschwört. Erinnert mich an die Figur Boo von Super Mario, oder an ein klassisches Bettlaken-Gespenst.“ (Übersetzungen von mir)

Dies ist die kleinere Ausgabe. Das Buch gibt es auch als großen Bildband für 79 Euro.

Viele dieser Apfelsorten sind selten geworden. Keine davon bekommt man im Supermarkt. Von über 7000 bekannten Apfelsorten essen wir vielleicht noch 15. Was ist mit den alten Sorten passiert? Warum sind sie verschwunden? Warum können wir sie nicht kaufen? Und warum ist das ein Verlust?

Eine, der die Vielfalt am Herzen liegt, ist Annegret Brall. Sie züchtet interessante und alte Apfelsorten. Ich habe sie in der Uckermark besucht und Interessantes erfahren.

Dass die alten Sorten oft perfekt an die Böden, die Wassersituation und das Klima einer Landschaft angepasst sind und im trockenen Brandenburg zum Beispiel besser mit dem Klimawandel zurechtkommen.

Dass es früher viel mehr Sorten gab, die für bestimmte Zwecke besser geeignet waren – zum Backen, zum Lagern für die Winterversorgung, für Apfelwein, für frühe Ernte zum Beispiel.

Dass Allergiker oft die alten Sorten besser vertragen, weil sie auf eine der fünf Muttersorten reagieren, auf die unsere üblichen Handelsäpfel zurückgehen.

Viele der alten Sorten sind selten geworden. Warum gibt es nur noch fünf, höchstens 15 Sorten zu kaufen? An der Geschichte einer Kartoffelsorte kann man sehen, wie das funktioniert. Die Linda ist meine Lieblingskartoffel, sie schmeckt einfach köstlich. Beinah wäre sie vom Markt verschwunden.

Am 28.8.2009 schreibt die taz:

Im Jahr 2004 war nach 30 Jahren der sogenannte Sortenschutz für Linda ausgelaufen. Dieser garantiert dem Züchter der Kartoffel das alleinige Vermarktungsrecht und damit hohe Lizenzgebühren. Um zu verhindern, dass Landwirte Linda lizenzfrei nutzen, statt neuere, lizenzpflichtige Sorten von Europlant anzubauen, hatte das Unternehmen die Zulassung für Linda vorzeitig zurückgezogen.“

Europlant ist ein Zusammenschluss von elf Kartoffelzüchter-Unternehmern und mit 40 Millionen Euro Umsatz pro Jahr Marktführer. Im Zuge des Linda-Streits vernichtete Europlant bereits produziertes Pflanzgut im Wert von mehreren hunderttausend Euro (Quelle: Wikipedia). Der Biolandwirt Ellenberg wehrte sich. Und die Verbraucherzentrale Hamburg, Slowfood, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Bioland und Demeter, gründeten den Freundeskreis „Rettet die Linda“. Nach jahrelangem Streit wurde es über eine Zulassung in Großbritannien möglich, die gute Linda wieder in der EU zum Verkauf anzubauen.

Weltweit gibt es über 7000 Kartoffelsorten, etwa 290 allein in Deutschland. Da kommt es doch auf eine Sorte nicht an – oder? Sind nicht die neuen Kartoffelsorten viel besser?

Wozu brauchen wir Vielfalt? Und wieso fragen wir eigentlich immer: „Wozu brauchen wir…“?

Diese Fragen stellen auch Dirk Steffens und Fritz Habekuss in ihrem Buch „Überleben“ (München 2021), ein wichtiges Buch, leicht zu lesen, absolut empfehlenswert!

Sie schreiben, dass die Vielfalt überlebenswichtig ist für uns Menschen. Ich zitiere:

Die moderne Landwirtschaft normt und vereinfacht alles, deshalb hängen inzwischen zwei Drittel der Welternährung von nur neun Pflanzenarten ab. Eine genetische Verengung, die brandgefährlich ist. Wenn die Klimakrise die Hitzetoleranz einer Art überfordert oder ein neuer Krankheitserreger auftaucht, könnte das Hungerkatastrophen auslösen. Der beste Schutz davor ist Vielfalt.“

„Die Vielfalt des Lebens ist die Grundlage für Gesundheit, Wohlstand, Ernährung und Sicherheit auf der Welt.Wenn sie zerstört wird, gehen wir unter. So wie die Dinos.“

„Unumstritten ist, dass Tiere und Pflanzen gerade so schnell aussterben, dass wir uns ernsthafte Sorgen um unsere eigene Zukunft machen müssen.“

Als Gründe für das Aussterben nennen sie:

  • Verlust der Lebensräume,
  • direkte Ausbeutung,
  • Klimawandel,
  • Verschmutzung,
  • invasive Arten.

Das alles wissen wir schon lange. Konferenzen gab es genug. Warum so wenig und so langsam gehandelt wird, hat vielleicht mit der Kernfrage zu tun, die Steffens und Habekuss stellen: wieso wir eigentlich immer: „Wozu brauchen wir…?“ fragen.

Wenn die Natur nicht danach bemessen würde, was sie uns nützt, wenn die Natur eigene Rechte hätte, wenn ein Fluss Klage erheben könnte gegen die Vergiftung, wenn die Welt, die Uno, der Internationale Gerichtshof eine rechtliche Handhabe hätten, Bolsonaro das Abbrennen der Urwälder zu verbieten – dann wäre alles anders. In Indien, in Peru, in Neuseeland und am Mississippi geschieht gerade diese Revolution, die alles ändern wird.

„Wozu brauchen wir…?“ ist die falsche Frage. Wir Menschen sind Natur. Eigentlich wissen wir das auch. Wieso „baden“ denn jetzt alle im Wald? Und wieso ist es das reinste Glück, wenn sich das Rotkehlchen auf meinen Fuß setzt?

Steffens/Habekuss schreiben:

`Die Erde lebt´ ist wörtlich zu nehmen.“

Erst wenn Tausende Spezies zusammenwirken, wenn viele Tiere, Pilze und Pflanzen und deren Stoffkreisläufe ineinandergreifen, wird der Boden fruchtbar.“

Auf dem Mars kann nichts wachsen, weil der Boden nicht lebt. Keine Technik der Welt kann aus totem Gestein Leben erschaffen. Wir sind gerade dabei, einen Hauch einer Ahnung davon zu bekommen, wie das alles ineinandergreift und voneinander abhängt.

Das ist der Seed Pavillon, 20 Meter hoch, geformt aus 60.000 schlanken, transparenten Acrylstäben, jeder 7 Meter 50 lang. Innen sind an den Stab-Enden 250.000 Samenkörner eingelassen. Tagsüber leiten sie das Tageslicht ins Innere, nachts bringt die Beleuchtung von innen die ganze Struktur zum Leuchten. Die Stäbe bewegen sich sanft im Wind – eine riesige Pusteblume. Es ist der britische Pavillon auf der Expo 2001 in Japan, entworfen von Thomas Heatherwick, dem Enkel meiner Kunsttherapie-Lehrerin Elisabeth Tomalin, die vor den Nazis fliehen musste. Die wollten sie umbringen. Wegen der „Rassereinheit“.

Thomas Heatherwick hat der Vielfalt ein Denkmal gesetzt – unserem größten Reichtum.

Und was ist mit Mücken? Die brauchen wir doch nun wirklich nicht.

Nun – ohne Mücken gäbe es keine Schokolade. Nur eine bestimmte kleine Mückenart kann Kakaobäume bestäuben!

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