Wie schützen wir, was wir lieben?

Als ich meine kleine Enkelin fragte, warum sie denn die letzte rosa Schafgarbe abgepflückt hat, sagt sie: „Die war zu schön, um sie nicht zu pflücken.“ Warum können wir die Schönheit nicht stehen lassen? Warum wollen wir sie mitnehmen? Für uns haben? Warum zerstören wir, was wir lieben?

Es gibt sie noch, die schönen Fleckchen Natur. „Restwildnis“. Sogar in der Stadt. Es kann passieren, dass sie für immer verschwinden, wenn wir nichts tun. Trotzdem ärgere ich mich, wenn eine Naturschützerin mir verbieten will, zum kleinen Baggersee zu gehen und wenn mein Lieblingsweg abgesperrt wird. Ich weiß doch, wie man sich benimmt und ich störe keine Tiere! Kann man diese kleinen Reste ursprünglicher Natur nur retten, wenn man die Menschen aussperrt? Geht das nicht anders?

Dies ist einer der schönsten Wege in Dellbrück, eine Viertelstunde von da, wo ich wohne. Eigentlich ist es kein Weg, es ist ein Trampelpfad, am Bach entlang.

Eines Tages war da ein Tor. Ich hab mich geärgert. So ein schöner Weg – und da soll ich nicht mehr durchgehen dürfen? Es gab Fragen und Ärger auf Facebook, gerade von „Naturliebhabern“, die ein besonders schönes Fleckchen Natur zu schätzen wissen.

Das Tor war von der Stadt in Zusammenarbeit mit dem BUND angebracht worden. Da hab ich mal nachgefragt, was es damit auf sich hat. Und warum es kein Hinweisschild gab.

Ich erfuhr: es hat ein Schild gegeben, das wurde nur immer wieder abgerissen. Dann hab ich gelernt, dass dieser Bachabschnitt mit der Strundewiese daneben etwas ganz Besonderes ist. Da brüten seltene Vögel (sogar der Eisvogel), es gibt viele seltene und gefährdete Insekten und Pflanzen.

Die Strundewiese neben dem Bach grenzt an eine natürlich gewachsene Stufenvegetation: ein schrittweiser Übergang vom Wald zum Buschwerk, zur Krautzone, zur Wiese. Eine Landschaft, die selten geworden ist in unseren intensiv bewirtschafteten Landschaften. Das soll erhalten werden.

Dieses letzte, winzige Stückchen einer einzigartigen Vegetationsform und Biosphäre ist durch die vielen Spaziergänger in Gefahr, besonders durch frei laufende Hunde, die die brütenden Vögel immer wieder aufstören, und auch durch ihren Kot.

Die Wiese ist eine ungedüngte Magerwiese mit einer besonderen Artenvielfalt empfindlicher Wiesenkräuter. Hunde-Urin hat ähnliche Kalium-, Phosphor- und Stickstoffkonzentrationen wie Industriedünger. Er bringt Pflanzen wie Brennnesseln und Springkraut zum Wuchern, gegen die die Wildblumen keine Chance haben.

Hunde sind Fleischfresser. Frischer Hundekot ist kein Dünger – im Gegenteil: er enthält Millionen von Bakterien und bringt Pflanzenfresser in Gefahr. Parasiten lösen Totgeburten bei Kühen, Schafen, Ziegen und Rehen aus. Bis zu zwei Jahre lang bleibt der Kot auf der Weide infektiös. Der Hund ist das Bindeglied in der Infektionskette zwischen Mensch und Tier. Über Infektionsketten haben wir gerade Einiges gelernt im Zusammenhang mit Corona.

Der Pfad am Bach und die Strundewiese liegen dicht an einem Wohngebiet. Wer hier wohnt, geht in den Wald, ich auch, viele mit Hund. Einige kommen sogar aus der Stadt rausgefahren, weil es hier so schön ist. Jetzt zu Corona-Zeiten noch sehr viel mehr als sonst. Deshalb wurde abgesperrt.

Kurz nachdem das Tor angebracht wurde, sind Kinder drüber geklettert und haben am Rand der Wiese ein Baumhaus gebaut. Hämmern, Geschrei, Unruhe: eine Katastrophe für brütende Vögel.

Einerseits. Andererseits: ich kann die Kinder so gut verstehen! Man ist doch froh, wenn sie nicht den ganzen Tag vor dem Bildschirm hocken, wenn sie rausgehen, Ideen haben, was bauen, Abenteuer erleben wollen, unbeobachtet von Erwachsenen. Wo können Kinder das noch?

Eine Jägerin schrieb mir: „Seit über einem Jahr haben Heerscharen entgrenzter E-Biker, Drohnenfetischisten, Langeweilewanderer, Waldbader und campierende Outdoor Microabenteurer, Querfeldein-Cross-Jogger, durchgeknallte Zeugen Coronas mit Maske die bisher so ruhige Eifel für sich entdeckt und verursachen enorme Kollateralschäden in Wald und Flur. Von immer mehr werdenden freilaufenden Hunden und hinterherbrüllenden Personen will ich erst garnicht erzählen… und von dem fürs Wild gefährlichen Maskenmüll… und Plastikmüll… und und und…“

Ich kann ihren Ärger und die Verzweiflung der Naturschützer so gut nachfühlen. Man möchte absperren, verbieten, dreinhauen und sofort was machen, um die Unwissenden und Unsensiblen fernzuhalten, damit sie nicht die kleinen Reste Wildnis zerstören, die es noch gibt.

Ich will das ja auch erhalten – trotzdem ist mir unwohl beim Absperren. Nicht nur, weil ich selber ausgesperrt bin. Wie kommt das? Bin ich nicht konsequent?

Eine Freundin hatte einen interessanten Gedanken: Wer sich vor die Natur stellt, um Andere fernzuhalten, stellt sich selbst auch außerhalb und trennt sich ab von der Natur.

Bernd Ulrich schreibt in der ZEIT vom 22.7.2021: „Sensationelle Neuigkeiten sind zu vermelden: Es gibt keine Umwelt. Nichts, was den Menschen bloß umgäbe, kein Außen, dem er autonom, souverän oder gar unverletzlich gegenüberstünde. Vielmehr ist der Mensch immer schon Teil der Natur, sie geht über ihn hinweg und durch ihn hindurch, er besteht aus ihr.“

Könnte das ein Hinweis sein auf das, was ich suche?

In zwei Büchern habe ich weitere Hinweise gefunden: „Ferienmüde – Als das Reisen nicht mehr geholfen hat“ von Valentin Groebner (Konstanz 2020) und „Klima – eine neue Perspektive“ von Charles Eisenstein (Europa-Verlag 2019).

Das Thema von Groebners kritischem Essay ist Tourismus. Wie die Spaziergänger zerstört auch der Massentourismus das, was er liebt.

In der Ferne suchen wir das „Andere“. Das, was uns im Alltag fehlt. Schönheit, Ursprünglichkeit, Echtheit, unberührte Natur, Folklore, Traditionen, dörfliche Idylle und Gemeinschaft.

Dabei wissen wir schon vorher ganz genau, wie das auszusehen hat. Wir kommen mit fertigen Bildern in die Fremde und benutzen diese als Kulisse für unsere Selfies.

Dabei darf die Kulisse auf keinen Fall störende Flecken von Arbeit aufweisen. Groebner schreibt: „Mir und meinen Mitreisenden muss ununterbrochen versichert werden, dass all die Hotels, Berge, Strände, Sehenswürdigkeiten nur für mein persönliches Vergnügen da sind. Das ist ziemlich viel Arbeit. Um Erholung als Paradies der Anti-Arbeit zu organisieren, braucht es viele Millionen Putzfrauen, Kellner, Busfahrer, Köche, Zimmermädchen. Sie müssen dabei diskret im Hintergrund bleiben. Tourismus ist eine rosa Fabrik mit großteils unsichtbarem Personal, das nach der Saison nach Hause geschickt wird. Die Arbeitsplätze, die der Fremdenverkehr erzeugt, sind bis heute zum größten Teil prekär, saisonal und schlecht bezahlt.“

Auf dem Backcover des Buches steht: Könnte es sein, dass Urlaub eine Art Verzweiflung am eigenen Alltag ist, als Belohnung verpackt?“ Anstatt uns für menschenfreundlichere Städte und eine gesunde Natur in unserer direkten Umgebung zu engagieren, suchen wir das echte Leben im Urlaub, woanders. Dann bleibt zuhause natürlich alles so, wie es ist.

Und noch etwas. Groebner schreibt: „Er (der Tourismus) verspricht die Erfüllung von Bedürfnissen, die er selbst erzeugt hat, und erzwingt so dauernde Wiederholung. Touristisches Reisen macht auf eine Weise unzufrieden, gegen die nur mehr Reisen zu helfen scheint.“ (S. 44) Und auf Seite 45: „Verzückung – die große Erfüllung, Genuss – macht einen bedürfnislos, weil man zufrieden ist. Deswegen ist Glück schlecht fürs Geschäft.“

Das Thema von „Klima“ (Charles Eisenstein) ist die Klimakatastrophe und was geschehen muss, um sie abzuwenden. Er schreibt, dass wir soviel CO2 reduzieren, alternative Energien und Technologien erschließen, Kohlekraftwerke stilllegen und Müll trennen können wie wir wollen – wenn wir nicht die Grundlagen und Grundannahmen unseres Denkens und unserer Zivilisation ändern, wird das Klima sich weiter aufheizen und die Natur weiter zerstört werden. Nur ein radikales Umdenken und einen tiefgreifender Umbau kann die Natur „retten“.

Denn solange wir Menschen uns im Gegenüber sehen zur Natur, werden wir sie benutzen, konsumieren und ausbeuten. Was wir nicht gebrauchen können zum Essen, für Kleidung, zum Bauen, für Maschinen und Chemie, kann dann ruhig aussterben. Solange wir uns nicht als Teil der Natur erleben, der leidet, wenn ein anderer Teil leidet, werden wir die Klimakatastrophe nicht abwenden. Denn die getrennte, ausbeuterische Haltung zur Natur (und untereinander) ist die Ursache der Zerstörung.

Dabei ist das Aussterben der Arten im Grunde noch bedrohlicher für das Leben auf der Erde als der Klimawandel – und hat dieselbe Ursache. Artenvielfalt hält den Wasserkreislauf, den CO2-Haushalt im Gleichgewicht. Und umgekehrt.

Man hört immer wieder: „Wir Menschen müssen nur die Natur in Ruhe lassen und am besten selber aussterben, dann gehts der Erde wieder gut“ – das ist zynisch. Und falsch. Wir Menschen haben besondere Gaben, und wir haben Verantwortung. Eine Aufgabe in dem Ganzen. Es gibt einen Grund dafür, dass es uns gibt.

Es geht wohl im jetzigen Zustand nicht mehr ohne unsere Kreativität. Wir können dafür sorgen, dass die Lebens-Kreisläufe, die wir zerstört haben, wieder in Balance kommen.

Und das passiert gerade weltweit! Es gibt schon viele wunderschöne Beispiele dafür, wie Wüsten durch Menschenhand wieder in blühende, wasserreiche Landschaften verwandelt wurden (Kongo, Portugal, Indien – überall). Die Erde sich selbst zu überlassen reicht vielleicht nicht mehr aus.

Einen Aspekt finde ich wichtig: Die „Wildnis“, die die sogenannten Entdecker vorfanden in den Amerikas, in Australien, war eine über Jahrtausende von Menschen kultivierte, menschenfreundliche Landschaft im Gleichgewicht. Sie „Wildnis“ zu nennen erlaubte es, sie zu besetzen, zu stehlen. Eine „Ideologie der Eroberung“ (S. 266).

Eisenstein schreibt, dass uns die Natur wieder „heilig“ werden muss. „Heilig“ – das kenne ich nur aus der Kirche, fand ich eher abschreckend. Aber: was heißt denn heilig? „Heilig“ nennen wir das, was heil ist und was wir verehren, weil es wirksam und mächtig und schön ist. Und heilsam. Dem dürfen wir uns nicht einfach so nähern, es gibt Regeln und Riten und Zeremonien. Wenn wir die nicht beachten, kann es für uns gefährlich werden. Und manchmal gibt es Absperrungen.

Partha Dasgupta, Professor für Entwicklungs- und Umweltökonomie an der Universität Cambridge, sagt im ZEIT-Interview vom 29.7.: „Ich kenne keine Gesellschaft, die nicht bestimmte Orte in der Natur als heilig ansieht.“

Irrationaler Hokuspokus? Vielleicht. Aber wie kommt es, dass Zivilisationen, die heilige Bäume, Quellen, Haine, Orte kennen, es geschafft haben, über Jahrtausende im Einklang mit der Natur zu leben, ohne sie zu zerstören? Und wo sind wir gelandet mit unserer Rationalität? Eisenstein sagt, wenn etwas „irrational“ oder „unrealistisch“ genannt wird, heißt das meistens, dass es kein Geld bringt.

Die neue Perspektive, die Eisenstein als Lösung vorschlägt, ist die Verbindung. Die neue, alte, lebendige, gelebte Verbundenheit mit allen Wesen auf der Erde. Eisenstein nennt es „Interbeing“. Liebe und Verbindung statt Separation.

Wir gehören dazu. Wir müssen uns wieder verbinden. Da ist so viel Sehnsucht bei den Menschen. Auch bei dem Hundebesitzer, der seinen Hund frei laufen lässt. Auch bei den Kindern, die die Baumhäuser bauen. Auch bei den Touristen. Das ist der Ort, wo wir uns treffen.

Ich sehe ein, dass es besser ist, wenn da keiner mehr entlanggeht am Bach. Ich weiß jetzt, was da alles lebt und wie leicht das für immer zerstört ist. Aber es ist auch viel Traurigkeit dabei. Ich möchte die Schönheit erleben. Ich möchte sie sehen, riechen, hören, mitten drin sitzen.

Wenn man das Tor an der Strundewiese fünf Meter weiter nach hinten verlegen und zwei Bänke aufstellen würde, könnte man sich still an den Bach setzen und dieses schöne Fleckchen Natur erleben und beobachten. Eine Tafel würde erklären, was hier alles lebt, warum es besonders und schützenswert ist und wie man sich verhalten sollte, wenn man das erhalten will – und wie besser nicht.

Und unbedingt muss man den Kindern einen Ort geben, wo sie hämmern und bauen und Abenteuer erleben können. Am Waldrand. Am Bach. Vielleicht mit Öffnungszeiten und Aufsicht von Rangern.

Ich habe schon mal ein Poster entworfen für das Tor und mit dem BUND zusammen aufgehängt.

Ist schon komisch: Die Reaktionen in den Social Media zeigen sofort mehr Verständnis, seitdem das Poster am Tor hängt. Das Wort „Privatweg“ wirkt immer, Privateigentum ist heilig.

Ich werde mit meiner Enkelin zusammen Blumen pflücken gehen und wir werden jede Pflanze fragen, ob wir eine Blüte geschenkt bekommen. Dann beobachten wir sie und hören auf die Blumensprache. Und wenn die Blume uns sagt, dass wir sie pflücken dürfen, bedanken wir uns bei ihr.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s