Nie wieder

Wenn wir eine bessere Welt wollen, in der auch unsere Kinder und Kindeskinder in Frieden und in Freiheit leben können, gehört das dazu: Wir müssen den jungen Menschen erzählen, was aus rassistischer Hetze und Gewalt entstehen kann. Ich möchte hier aus gegebenem Anlass ein Projekt vorstellen, das genau dies leistet.

In Hofgeismar, einer Kleinstadt in Nordhessen im Landkreis Kassel, haben die Illustratorinnen Julia Drinnenberg und Gabriele Hafermaas eine bemerkenswerte Ausstellung realisiert. Im Stadtmuseum zeigen sie die Ergebnisse ihres Schulprojekts zum Thema Kindertransporte.

Wie kann man ein so schweres Thema mit Kindern besprechen? Kann man es überhaupt mit Kindern bearbeiten? Kann man es 8-9-jährigen Kindern zumuten, ihnen über die Verfolgung jüdischer Kinder in ihrem Heimatort zu erzählen und über die erzwungene Trennung von ihren Eltern?

Drei jüdische Kinder – zwei aus Hofgeismar und eins aus Kassel, stehen in dieser Ausstellung exemplarisch für die vor 80 Jahren geretteten Kinder. Nur eines von den Dreien sah seine Eltern später wieder. Tatsächlich wurden die meisten Eltern der 10.000 nach England geretteten Kinder im Holocaust ermordet.

Wie konnte es dazu kommen, dass Eltern ihre Kinder fortschickten – ganz allein, zu unbekannten Menschen in eine unbekannte Zukunft? Die Pogrome in ganz Deutschland am 9./10. November 1938 ließ auch den letzten Optimisten unter den deutschen Juden ahnen, dass Schreckliches auf sie zukam. „Rettet wenigstens schnell die Kinder, wenn wir schon kein Visum zur Ausreise bekommen“ – das war die große Sorge, die alle jüdischen Familien erfasste.

Auch das Ausland war alarmiert durch die Nachrichten aus Deutschland – und so formierten sich Initiativen in vielen europäischen Ländern, die die Rettung von Kindern organisierten – nach Holland, Belgien, in die Schweiz, nach Schweden, nach Amerika nach Australien, Palästina und nach England.

Die Dokumentation legt ihren Schwerpunkt auf die einzigartige Rettungsaktion durch englische Organisationen, die in Zusammenarbeit mit Helfern in Deutschland und in den besetzten Gebieten in nur 9 Monaten bis zum Ausbruch des Krieges 10.000 Kinder retten konnten.

Wie sich das Leben der Kinder aus Hofgeismar und Kassel ab 1933 schlagartig änderte, wie sich bisherige Freunde abwandten, wie sie mehr und mehr vereinsamten, zum Beispiel nicht mehr ins neu gebaute Hofgeismarer Schwimmbad durften, weil sie jüdisch waren: Das konnten die heutigen Kinder aus einer Auswahl von Briefen, also aus Original-Quellen, erfahren, die an den 13 jährigen Erwin aus Hofgeismar geschrieben wurden, als er 1936 allein mit einem Kindertransport nach Amerika geschickt wurde. Diese konkreten Beispiele aus den Jahren 1936 bis 1939 hat sie sehr betroffen gemacht.

Wie können Viertklässler einen Zugang zu diesem geschichtlichen Hintergrund bekommen? Sie lasen das Kinderbuch „In meiner Tasche“ von Dorrith Sim.

Dorrith Sim, geborene Oppenheim aus Kassel, musste mit 7 Jahren ihren Eltern auf Wiedersehen sagen und fand Aufnahme bei einem schottischen Ehepaar. In ihrem kleinen, wunderbar illustrierten Buch „In meiner Tasche“ beschreibt sie die eigene Geschichte ihrer Flucht aus Deutschland.

Noch ein Aspekt der Kindertransporte wird in dem Büchlein in kindlicher Form aufgegriffen: 1939 nahm die ganze Englische Nation Anteil an dem Los der jüdischen Kinder, die ohne ihre Eltern in England ankamen. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass im Juli 1938 die europäischen Staaten und Amerika sich auf der Konferenz von Evian nicht auf eine gemeinsame Regelung über die Verteilung der Flüchtlinge aus Deutschland einigen konnten. Welche Parallelen zu dem Verhalten der europäischen Staaten heute!

Auch die Kinder, die an diesem Projekt mitgearbeitet haben, haben über die Parallelen der damaligen Flucht zu heute nachgedacht: „Wir hoffen, dass wir bald bei dir sind“, der Titel dieser Ausstellung ist ein Satz aus dem Buch „In meiner Tasche“ – ein Zitat aus dem letzten Brief, den Dorrith von den Eltern aus Deutschland bekommt. Das Buch endet mit diesem letzten Brief der Eltern aus Deutschland.

Mit 13-14 Jahren musste Dorrith dann erfahren, dass ihre Eltern in Auschwitz ermordet wurden. Wie konnte sie damit leben, wie ist sie damit umgegangen? Die Frage der individuellen Bewältigung dieses Kindheitstraumas ist eine wichtige Frage, die unserer Ausstellung stellt. Seine eigene Familie überlebt zu haben, ist ein tiefer Schmerz, den auch die Zeit nicht heilt. Auch Dorrith Sim hat erst versucht, nur an die Zukunft zu denken, und hatte einfach auch keine Zeit zum Nachdenken, als ihre eigene Familie mit den 5 Kindern versorgt werden wollte. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Kindertransport-Kindern wie zum Beispiel Hans Alfred Mathias aus Hofgeismar, hat sie eines Tages angefangen, darüber zu sprechen – zunächst in der Familie. Später berichtete und erinnerte sie vor Schulklassen, vor Erwachsenen über die Kindertransporte. Und vor allem: Sie verarbeitete ihre Geschichte in dem Buch „In meiner Tasche“.

Sie wird als lebensbejahende, fröhliche Frau beschrieben. Am liebsten schrieb sie Geschichten, lustige Kindergeschichten, darunter zehn besonders skurrile und schräge Episoden – über Tante Aggie, die bezeichnender Weise auch selber kindlich intuitiv handelt. Zehn Klassen haben diese zehn Geschichten illustriert und zu Büchern gestaltet.

Wie kann jemand, der so etwas elementar Erschütterndes erlebt hat wie Dorrith Sim, so lustige Geschichten schreiben, wie „Tante Aggie macht Gelee“, oder „Tante Aggie zählt Schafe“?

Das Besondere an diesem Projekt: es ist das Werk zweier Illustratorinnen. Julia Drinnenberg und Gabriele Hafermaas, die Profis, haben die Kinder als Lehrlinge angestellt und ihnen am Schluss ein Diplom überreicht. Hier ein Blick in die Werkstatt.

Dorrith Sims Tochter Susanne schrieb an Julia Drinnenberg: „Diese Kinder haben wahrhaftig die Botschaft verstanden, dass aus schlimmen Dingen etwas Gutes entstehen kann. Dorrith, meine Mum, wäre vollkommen fasziniert von eurem Projekt gewesen, und ich weiß, sie hätte sich sehr gewünscht, persönlich mit den Kindern reden zu können.

Was für ein Kontrast: die hinreißenden Illustrationen der Kinder und die Dokumentations-Tafeln zu dem gauenhaften Geschehen vor 80 Jahren! Die sich gegenseitig ergänzen zu einem neuen Ganzen. Hier wird Erinnerungskultur lebendig als aktives Erarbeiten der Vergangenheit und zukunftsgerichtetes Lernen.

In die Zukunft gerichtet sind auch die zwei Besucher-Bücher am Ende des Rundgangs, eins für Erwachsene und eins für Kinder, die an die Familien von Dorrith Sim, Hans Alfred Mathias und Erwin Goldschmidt geschickt werden.

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