Holy Shit und Omas for Future

Ein Bekannter von mir, der in der Toscana meditatives Bogenschießen angeboten hat, hat mal erzählt, dass manche Teilnehmer ihre verschossenen Pfeile nicht aus dem Gebüsch rausholen wollten. Sie haben das gar nicht eingesehen. Einer hat ihm sogar mal angeboten, 100 Mark pro Pfeil fürs Wiederholen zu bezahlen. (Bei den Frauen sei das komischerweise nie ein Problem gewesen.)

Kümmern wir uns um unsere verschossenen Pfeile? Räumen wir hinter uns auf? Heute geht es um das, was hinten rauskommt (war das nicht von Helmut Kohl?) Also im Moment, gerade in dieser Corona-Zeit, geht es die ganze Zeit um unsere Ausscheidungen. Wie und wohin wir husten, niesen, unsere Körperflüssigkeiten hinterlassen. Wie wir unsere Viren verteilen und teilen. Wir sollen auf einmal darauf achten, was mit dem geschieht, was aus uns rauskommt.

Das ist neu. Das sind wir nicht gewöhnt. Wir sind es gewohnt, für uns zu sorgen, uns zu holen, was wir brauchen. Wir haben uns weiterentwickelt und nach vorne in die Zukunft geschaut. Wachstum, Wachstum, Wachstum. Was wir dabei hinter uns lassen, war uns egal.

Genau das ändert sich gerade. Na gut: GERADE – das heißt: so seit den 60er- 70er-Jahren. Da zetern so ein paar Spinner rum, wir sollten hinter uns aufräumen und vorher überlegen, wie das hinterher aussehen wird. Stichworte: Ressourcenschonung, Nachhaltigkeit, ökologischer Fußabdruck.

Heute sind es nicht mehr nur ein paar Spinner, die da zetern.Viele Menschen sorgen sich um die Plastikinseln im Ozean, den ganzen Müll, den Dreck in der Luft, im Wasser und in den Böden.

Was ist das überhaupt: „Boden“? Humus?

Am Anfang war die Erde „wüst und leer“. Nachdem die glühende Erde abgekühlt war, gab es nur Stein und Wasser, Erde gab es noch nicht.

Dann entstand Leben, zuerst im Meer, dann auch an Land. Die ersten Land-Pflanzen waren Moose und Flechten – ein Zusammenschluss von Algen und Pilzen. Es gibt sie immer noch. Überall. Es gibt sie seit Urzeiten und sie werden uralt. Und wie damals zu Urzeiten sind sie es, die keinen Humus brauchen zum Leben – im Gegenteil: sie verdauen Stein zu Erde. In Zusammenarbeit mit Mikroorganismen.

In einem Quadratmeter lebendigem Waldboden existieren mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt. Ohne sie gäbe es keine Pflanzen, keine Tiere und keine Menschen.Ohne die Ausscheidungen der Mikroorganismen gäbe es uns nicht.

In Morsbach im Oberbergischen hat Christina Stoschus-Schumann das NaturKulturHaus geschaffen. Bei ihr habe ich eine Methode gesehen, wie man Humus schaffen und den Boden aufbauen kann, aus dem unsere Nahrung wächst: mithilfe der Komposttoilette. Unsere Ausscheidungen werden gesammelt und mit anderen Zutaten zu Kompost verarbeitet.

Das riecht nicht, denn man deckt mit Holzspänen oder Sägemehl ab. Das kann man selber bauen und man braucht kein Wasser. In Deutschland gehen 14 % des Trinkwassers in die öffentliche Wasserversorgung. Jeder von uns verbraucht durchschnittlich 123 Liter Wasser pro Tag. Etwa ein Viertel davon geht durch die Toilette. Ein Viertel. Was für eine Verschwendung!

Komposttoiletten sind nicht nur was fürs Land, wo man Platz hat für einen Kompost. Es gibt auch für die Stadt, auch für Mietshäuser, technische Lösungen. Wolfgang Berger baut schon seit den 1980er Jahren Komposttoiletten auch in städtische Wohnungen ein. Ralf Otterpohl forscht an der Universität in Hamburg-Harburg seit langem an Humusklosetts für die allgemeine Verwendung. In Genf gibt es zwei mehrstöckige Wohnhäuser der Kooperative »Equilibre« mit jeweils drei Dutzend Wohnungen mit einem Komposter im Keller.

Friedensreich Hundertwasser, der Wiener Künstler, hat seine Humustoilette mitten ins Wohnzimmer gestellt. In seinem Manifest „Scheißkultur – die heilige Scheiße“ schreibt er:

Warum haben wir Angst vor dem Tod?
Wer eine Humustoilette benützt,
hat keine Angst vor dem Tod,
denn unsere Scheiße macht zukünftiges Leben,
macht unsere Wiedergeburt möglich.

SCHMUTZ IST LEBEN.

Was aus uns herauskommt, ist kein Abfall,
sondern der Baustein der Welt,

Dieselbe Liebe, dieselbe Zeit und Sorgfalt
muß aufgewendet werden für das, was „hinten“ herauskommt,
wie für das, was „vorne“ hineinkommt.

Dieselbe Zeremonie wie beim Speisen,
mit Tischdecken, Messer, Gabel, Löffel,
chinesischen Eßstäbchen, Silberbesteck und Kerzenlicht.
Humus ist das wahre schwarze Gold.

Wollen wir nicht endlich hinter uns aufräumen? Unsere Pfeile wieder einsammeln? Oder lassen wir Andere unseren Mist wegräumen? Was lassen wir hinter uns? Was wollen wir hinterlassen?

Schauen wir in die Zukunft: Wir werden die Meere vom Plastik befreit haben. Wir werden Bäume gepflanzt haben. Wir werden den Humus wieder aufgebaut haben. Futur zwei. Heute zu entscheiden, und zwar: von der Zukunft her, was wir tun und was wir nicht tun: das unterscheidet uns von den Tieren.

Mütter und Großmütter tun das schon immer.

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