

Als ich mal bei meinem Bruder in Australien war, hab ich ihn gefragt, ob er mich mal mitnimmt auf die Jagd. Er jagt Hirsche. In Australien darf man auf dem eigenen Grundstück jagen, aber keine einheimischen Tiere. Ein Freund von ihm hat ein riesiges Grundstück. Vor Sonnenaufgang fahren wir los, stundenlang. Zwei Tage lang warten wir auf Hirsche, an Stellen, wo er schon öfter welche gesehen hat. Diesmal bekommen wir keinen einzigen zu sehen. Es war wunderschön!
Was ist das, die Jagd? Was ist daran so faszinierend? Und warum interessiert mich das überhaupt? Sind Jäger schießgeile Tier-Mörder? Oder Wald- und Wild-Schützer?
Als Kind haben wir manchmal eine Tante besucht, deren Mann Jäger war. Ich fand ihn toll, aber ich hatte auch immer ein bisschen Angst vor ihm. Er hat seine Hunde verprügelt und später wurde mir klar, dass es ein schlimmer Nazi war.
Neulich hab ich eine Jägerin kennen gelernt. Mit ihr bin ich verabredet. Gaby Gularek ist Jägerin und hat einen kleinen Pirschbezirk in Köln-Dünnwald. Sie arbeitet im Auftrag der Stadt, um den Wald und das Wild zu schützen, wie sie sagt. Wir fahren in den Wald.
Wir gehen vom Weg ab. Jede und jeder darf das, außer in einem Naturschutzgebiet. „Jedermannsrecht“. Was ich nicht wusste: Holzwege sind keine Wege.
Es ist Bärlauch-Zeit. Gaby zeigt mir, wo man wegen der Gefahr des Fuchsbandwurms besser nicht sammeln sollte: in der Nähe von Baumstämmen, Maulwurfshügeln und Wegen. Und man sollte ihn immer gut abwaschen.
Gaby hat schon Leute mit riesigen Ikea-Tüten voll Bärlauch getroffen. Sie hat sie angesprochen, denn kommerzielles Sammeln im Wald ist verboten. Manchmal warten sie dann, dass die Jägerin wieder geht, damit sie weitersammeln können. Erlaubt ist Eigenbedarf. Es gilt das Straußprinzip. Das heißt: Sträußchen pflücken, keine Riesen-Mengen mitnehmen, Pilze mit dem Messer abschneiden, keine Wurzeln ausreißen.



Im Frühjahr im Wald sollte man sich bemerkbar machen. Wenn man allein ist, kann man singen. Damit man das Wild nicht erschreckt. Man muss den Tieren Zeit lassen, dass sie sich verstecken können. Je öfter sie erschreckt und verjagt werden, umso mehr müssen sie fressen. Das bedeutet Energieverlust und mehr Verbiss an Unterholz und jungen Bäumen. Auch deshalb ist es besser, auf den Wegen zu bleiben.

Gaby zeigt und erklärt mir ganz viel, was ich überhaupt nicht bemerkt hätte. Seitdem ich mit ihr im Wald war, sehe ich viel mehr. Sie zeigt mir Spuren: „ein ausgewachsenes Reh und ein junges“, „ein Schwein, etwa 50 kg“. Das alles erkennt sie an den Abdrücken. Eine laubfreie Stelle: „Ein Reh-Bett“ – da hat ein Reh gelegen. Sie zeigt mir kleine Äste an einer jungen Buche, die wie abgeschnitten aussehen. Ich hätte das nicht bemerkt: Das waren Rehe. Vorne haben sie nur unten Zähne, oben eine Kau-Platte, da bleiben dann beim Abbiss manchmal Fasern stehen. Daran sieht man, dass es Rehe waren. Auch wie viele hier unterwegs sind, kann man am Verbiss sehen. Aber nicht nur daran.


Hier hat ein junger Bock gefegt, sie fangen schon an, das Fell und die Haut vom neu gewachsene Geweih abzufegen (April). Die älteren Böcke fegen eher an dünneren Bäumen.
Sie zeigt mir eine junge Douglasie: die wird nicht groß, Reh-Verbiss. Die meisten der Waldschäden verursacht hier das Rehwild. Die Wildschweine sind ganz nützlich im Wald. Sie wühlen die Erde um, lockern sie auf, so dass Samen von Bäumen besser angehen können, und fressen Schädlinge, Engerlinge zum Beispiel. Ein Loch, Laub liegt davor, keine frische Erde: „ein Dachsbau, nicht befahren“, also nicht bewohnt. Ein Stück Kot: „Losung vom Dachs.“ Abgefressene Tannenzapfen: Eichhörnchen.
Schweine-Spuren vor einer Salzlecke. Man bringt das Salz so hoch an, damit die Tiere nicht direkt dran lecken. Sie sind verrückt nach dem Salz und würden sonst zuviel davon bekommen. Das Salz löst sich mit dem Regen; was runterläuft, lecken die Tiere ab, auch die Erde darunter fressen sie.

Auf einmal stehen wir an diesem wunderschönen Ort mit riesigen Bäumen. Ich wundere mich: Die sehen ja fast aus wie Mammutbäume. Gaby: „Das sind Mammutbäume!“ Sie sind hier mal gepflanzt worden. Mammutbäume in Köln-Dünnwald! Wir bleiben eine Weile.
Seit zehn Jahren ist Gaby Gularek Jägerin. Zur Jagd gekommen ist sie ganz untypisch. Mit Jagd und Jägerei hatte sie überhaupt nichts zu tun, auch in der Familie nicht. Nach einer Krankheit musste sie ihr Gedächtnis trainieren und anstatt irgendwelche Sudokus oder Übungen zu machen, hat sie überlegt, was sie gerne noch lernen würde. Alles über Bäume und Tiere hat sie interessiert. Irgendwann wusste sie so viel über den Wald, dass sie sich sagte: Kann ich ja auch noch die Jägerprüfung machen. Schießen wollte sie nicht. Aber dann hat sie einen alten Jäger getroffen, der sie zwei Jahre lang begleitet hat, und mit seiner Hilfe ist sie erst richtig in das Waldwissen und die Jägerei reingewachsen. (Auch Autofahren lernt man erst nach der Fahrprüfung.)
Wir gehen weiter. Gaby will mir was zeigen. Sie sucht eine Weile, vor allem große Baumstümpfe interessieren sie, und das ist es, was sie mir zeigen wollte:


Wär mir vielleicht aufgefallen, aber ich hätte keine Ahnung gehabt, was es ist. Laich auf einem Baumstumpf – das war der Reiher. Auf solchen Baumstämmen frisst der Reiher gerne seine Beute. Er frisst die Frösche aus der Haut, so dass nur die Froschhaut übrig bleibt.
Auf einmal: ein Eimer mitten im Wald. Bei extremer Trockenheit im Sommer bringt Gaby manchmal Wasser für die Tiere. Alle kommen, auch der Habicht. Es ist eine Notmaßnahme, damit die Tiere nicht verdursten. (Rehe verdursten aber nicht so leicht. Sie holen sich ihre Flüssigkeit hauptsächlich über die Nahrung. Durstige Rehe fressen dann aber mehr Grün und verursachen noch mehr Schaden. Natürlich schöpfen (Jägersprache für trinken) sie auch Wasser an Bächen u.s.w.) Im Jagdrecht ist streng geregelt, wie weit man das Wild in Notzeiten unterstützen darf. Man darf es z.B. nicht anlocken.
Besonders umstritten, wenn´s um´s Eingreifen geht, ist der Wolf. Gaby findet, dass er dazugehört, dass man aber nicht genug bedacht hat, dass er sehr viel mehr Raum braucht, als er in unserem dicht besiedelten Land hat. Wir haben hier keinen Yellowstone Nationalpark. Die meisten Wölfe kommen bei uns durch Autounfälle ums Leben. Sie meint, man hätte ihm von Anfang an mehr Grenzen setzen, ihm mehr Paroli bieten sollen. „Der Wolf ist intelligent, warum soll er sich mit einem äußerst wehrhaften Wildschwein anlegen, wenn nebenan die Schafe sind, die er sich viel schneller und mit viel weniger Energieaufwand holen kann.“ „Erst den roten Teppich, und dann soll er ins Jagdrecht.“ Gaby findet, da hat man den Wolf zuwenig respektiert. Sie als Hundebesitzerin könnte nicht auf einen Wolf schießen.
In Köln-Dünnwald gibt’s zwar, soweit ich weiß, keine Wölfe, aber es gibt große braune Gänse, die andere Wasservögel töten. Soll man sie gewähren lassen – oder die heimischen Wasservögel schützen, indem man die Gänse vertreibt oder abschießt? Wir wissen wenig darüber, wie sich die Natur weiterentwickeln und verändern wird mit dem Klima. Vielleicht werden diese Nilgänse ja mal die Einzigen sein, die überleben.
Unser Wald ist seit Jahrhunderten von Menschen gestaltet worden.


Hier war mal der Katterbach. Er ist verschwunden, alles ist trocken. Der Weg liegt höher als das angrenzende Gelände. Hier war überall Sumpf. Mit Entwässerungsgräben hat man ihn trocken gelegt, um Holz ernten zu können. Man kann noch sehen, wo die alten Gräben verliefen. Der März 2025 war der trockenste seit 144 Jahren. Der Wald leidet.


Jetzt wird wieder vernässt. Die Gräben werden abgesperrt, so dass das Wasser nicht abfließt sondern sich staut, sodass wieder ein Sumpf entsteht. In der Klimakrise hat man verstanden, was für wertvolle Biotope und CO²-Speicher Sümpfe und Moore sind. Aber: Die Bäume werden absterben. Und der Weg wird irgendwann überflutet sein und nicht mehr passierbar.
Ist die Frage: Will man wirklich alte Buchen absterben lassen für einen Sumpf? Wenn die Sommer immer heißer und trockener werden und hier alles wieder trocken fällt, auch der Sumpf, dann sind die Buchen weg – und das, was neu entstanden ist, auch, das schöne Biotop. Wo und wie sollen wir eingreifen? Wir haben angefangen zu begreifen, dass wir zu viel eingegriffen haben – und dass wir so viel zerstört haben, dass es uns jetzt selber an den Kragen geht. Aber wir müssen auch aufpassen, dass wir bei dem Versuch, etwas wieder gut zu machen, nicht alles noch schlimmer machen.
Und die Jäger und Jägerinnen? Es ist ihre Aufgabe, in die Natur einzugreifen. Nicht nur durch Schießen.
Am Tag vor unserem Reviergang hat die Jägerin einen Mann mit Zigarette getroffen. Sie hat ihn darauf hingewiesen, dass im Wald Rauchverbot ist. Er meinte: ´So früh schon? Ist doch alles noch feucht´. Sie hat ihm das Laub am Wegrand gezeigt und er kam sehr schnell von sich aus schon drauf: Oh, das ist ja wirklich total trocken. Gaby: ´Wenn jetzt hier ein Funken kommt, dann brennt das ganz schnell, vor allem, wenn dann noch Wind dazu kommt. Und es gab auch schon Waldbrände, in Bergisch Gladbach´. Dieser Mann hat sich sogar bedankt und gesagt: ´Da hab ich nicht drüber nachgedacht´.
Einmal hat die Jägerin jemanden getroffen, der auf einem Holzweg vom Hochstand kam. Sie hat ihn angesprochen und er hat ziemlich ärgerlich reagiert. Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass er stinksauer war, weil die Vernässung angeordnet wurde, ohne die Anwohner einzubeziehen. Ins Gespräch kommen, die Argumente des Anderen bis zum Schluss anhören, ohne gleich in Klischees zu verfallen. Dann informieren, zeigen, erklären und klare Ansage: Das ist Gabys Umgang mit Menschen im Wald.
Gehört der Mensch dazu? Gaby, ganz klar: „Ja er gehört ins System. Aber nur, wenn er sich anpasst. Und da liegt das Problem“. Gerade in der Corona-Zeit, als die Leute darauf angewiesen waren, in den Wald zu gehen, wenn sie mal rauswollten, hat ganz viel Verständnis gefehlt dafür, wie man sich im Wald benimmt – und „dass wir hier die Gäste sind“.


Was kann man machen, damit die Menschen mehr Verständnis haben für den Wald und die Natur? Die Jägerin: „Das geht nur über Aufklärung. Aber nicht mit erhobenem Zeigefinger. Das geht mit Erklären, mit Zeigen.“ „Wir wollen ja nichts anderes als alle Menschen, die gerne in der Natur sind.“ „Sie wollen uns ja nichts Böses“ – und sie wollen die Natur ja nicht zerstören.
Der Jäger, vor dem ich als Kind Angst hatte, hätte den Mann mit der Zigarette ganz anders zusammengestaucht. Mit dem Ergebnis, dass der in Zukunft vielleicht nur darauf achtet, sich nicht erwischen zu lassen, und beim nächsten Mal einen ganzen Stadtwald abfackelt.
Da verändert sich gerade Einiges in der Jägerei. Das finde ich total spannend.
Gaby wünscht sich, dass Jäger und Jägerinnen mehr gezielte Führungen machen im Wald und arbeitet mit bei der „Rollenden Waldschule“. Sie gehen in Schulen, in Kindergärten, auf Feste und in Altenheime. Da kommt man ins Gespräch und kann anfängliche Skepsis oder auch leicht aggressive Haltung oft auflösen, indem man erklärt, warum man auch jagt.
Sind die Waldkindergärten ein Weg? Gaby: Wenn die Kinder nur zum Spielen, Austoben und zur Abhärtung im Wald sind, ist das nicht sinnvoll. Die Kinder lernen daraus, gratis die Natur zu konsumieren. Und nicht, was das ist: ein Wald, wer da lebt und wächst, und dass wir dort die Gäste sind. Und wie man sich als Gast im Wald benimmt.
Einmal wollte ein Waldkindergarten sie nicht haben, weil sie Jägerin ist. Bei der Jägerei geht es ja nun mal auch ums Töten. Ich habe Gaby kennengelernt bei einem veganen Essen. Wie passt das zur Jägerei? Sie ernährt sich normalerweise vegetarisch oder vegan. Nur wenn sie was schießt, isst sie Fleisch. Es wird kein Fleisch gekauft. Und bevor sie ein Stück Wild hat, muss sie bis zu 30 mal sitzen, das heißt 30 mal fünf Stunden. Es wird nichts weggeschmissen. Alles, was verwertet werden kann, wird verwertet. Fleisch zu essen ist was Besonderes. Es ist kein Grundnahrungsmittel – und sollte ihrer Meinung auch keins sein. Wir Menschen haben uns hauptsächlich von Pflanzen ernährt. Unser Körper ist darauf eingestellt.
Außerdem: Wenn man ein Tier tötet, macht das was mit einem. „Man zittert hinterher, manchmal kullern auch ein paar Tränen.“ Man gibt einen „letzten Bissen“ in den Äser (das Maul) des Tieres. Man sollte sich „eine Weile danebensetzen, Ruhe einkehren lassen“.


Anstatt sich einen Haufen Fleisch von gequälten Tieren auf den Grill zu knallen, von denen das meiste auch noch weggeschmissen wird, zeigt das Respekt vor diesem Lebensmittel, das sie als Jägerin herstellt.
Ein Zahnarzt kann nicht bohren, wenn er zu viel Mitgefühl hat. Dasselbe gilt für die Jägerin, den Chirurgen, die Metzgerin, den Soldaten, die Bestatterin. Sie müssen in der Lage sein, ihre Gefühle zu kontrollieren. Nicht jeder kann das. Mein Bruder erzählt von Berufsjägern, die vom Hubschrauber aus täglich zig Tiere abknallen, dass sie nach einiger Zeit nicht mehr können und aufhören müssen.
Viele Kulturen haben spezielle Riten, um sich zu reinigen nach diesem besonderen Moment des Tötens und sich bewusst wieder in den Alltagsmodus zu begeben. Was Gaby erzählt, erinnert daran.
Und was ist es an der Jägerei, was so fasziniert?
Ich denke, es ist der Hauch einer Ahnung davon, selber Natur zu sein. Es ist erstaunlich, wie schnell die Sinne sich schärfen, wenn man Tage in der Natur verbringt.
Geht mal wieder in den Wald!
