Die Halden

Kreativität und Heilung

Neulich war ich mal wieder in meiner alten Heimat. (Nein, dieses schöne Wort überlasse ich denen nicht!) Wenn ihr da mal hinfahrt, nach Marsberg im Sauerland, müsst ihr unbedingt mal in das Besucherbergwerk gehen. Diese Farben! Das ist absolut irre!

Der Kilianstollen ist ein alter Kupferstollen. Das Kupfer wurde u.a. mit Säure aus dem Schiefergestein herausgelöst. Der Abraum, also das Gestein, was übrigblieb, kam auf die Halden. Und so sah das in den 30-er-Jahren dann draußen aus.

Das muss man sich mal vorstellen: Da standen große Schwefelsäure-Becken offen draußen in der Landschaft!

Als ich Kind war, gab es die ganz hohen, steilen Halden, da durften wir nicht drauf, die waren gefährlich, man konnte verschüttet werden.

Die anderen Halden waren nicht gefährlich, da sind wir oft gewesen. Es gab da Steine, die man aufklappen konnte wie Bücher. Auf den bunten „Seiten“ konnte man alles Mögliche entdecken. Bücherei haben wir damit gespielt. Zusammen mit unserer Mutter. Wir haben sie geliebt, die Halden.

Die Halden tauchen immer wieder in meinen Träumen auf. Und zwar oft, wenn es um meine Kunst und um Kreativität geht. Es sind immer die hohen, violett-orangenen, gefährlichen Halden – im Traum noch viel steiler und höher als die „echten“.

Kreativität. Die weibliche Seite der Kreativität ist: offen sein, Fremdes anziehen, aufnehmen, schwanger gehen, gebären, nähren und in die Welt entlassen. So beschreibt man das bei physischen Kindern – bei den geistigen Kindern ist es genauso, man durchläuft dieselben Phasen, beim Malen, beim Zeichnen, beim Bildhauen.

Natürlich besteht die Arbeit an einem Werk aus viel mehr als aus den Motiven und Themen. Davon gepackt zu werden steht am Anfang und erzeugt die notwendige Energie, die es braucht, den langen und oft langwierigen Prozess der eigentlichen künstlerischen Arbeit zu verfolgen, wo ich Formales erforsche, Ideen verfolge, die Form und endgültige Gestalt entwickle.

Die Halden sind ja durch eine Verletzung entstanden, eine riesige Wunde in der Erde. Die Menschen haben gehackt, gebohrt, sind ins Innere der Erde eingedrungen und haben herausgebrochen, was sie wertvoll fanden – und nützlich für Waffen und Gerät.

Und auf dieser, aus dieser Verletzung haben wir damals was Schönes geschaffen. Abraum, Abfall wurde für uns Kinder zu bunten Büchern.

Heilen konnten wir diese große Verletzung der Erde natürlich nicht, aber wir haben was Neues daraus gemacht, haben umgedeutet, umgeformt, ihr einen neuen Wert gegeben.

Was mich jetzt nach dem Besuch der Halden beschäftigt ist die Frage: Geht es bei meiner Arbeit vielleicht auch um sowas wie Heilung? Was hat Kreativität mit Heilung zu tun?

Kann es sein, dass ich, so wie wir als Kinder damals aus der riesigen Verletzung am Berg etwas Neues geschaffen haben, mit meiner Arbeit auch Heilsames schaffe?

Bei dem, was mich angezogen, was ich angezogen und als Thema bearbeitet habe, hat mich, im Nachhinein betrachtet, immer auch das geleitet, was mich damals gerade beschäftigt hat im Leben. Licht und Schatten, Farbe und Fülle, Chaos, Enge und Sehnsucht, usw.

Das war bei meinen Bildern so und auch in der Steinbildhauerei. Wenn ich intuitiv das aus dem Stein herausarbeite, was ich in dem Rohling wahrnehme, dann forme und gestalte ich den Kern der Themen, die mich gerade beschäftigen.

Meine Graphic Novels „KRIEGERSTOCK“ und „OUTBACK“ habe ich beide in schwierigen Situationen meines Lebens gezeichnet. Es war mir damals nicht bewusst, dass diese Comic-Geschichten was mit meinen eigenen schweren Zeiten zu tun hatten.

Das hab ich für mich selbst gemacht. Auch wenn davon andere Menschen angesprochen und berührt werden: Das war für mich.

Mit „MOSCHBERG“, meinem dritten Comic, war das anders. Er ist aus Sorge um unsere schöne Erde entstanden, aber MOSCHBERG hab ich nicht nur für mich gezeichnet, damit möchte ich wirken in dieser Zeit. Für mich und für uns und für unsere Kinder und Kindeskinder.

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